작품 상세
Carl Lohse 1895 Hamburg – 1965 Dresden Erhard Hippold 1909 Wilkau – 1972 Bad Gottleuba RAKO 1882 Rakovnik Gerda Sieber 1931 Bischofswerda – 2016 Jena Öl auf Hartfaser-Malplatte der Firma "RAKO". Unsigniert. Der Bildträger verso blau grundiert, darauf zweifach mit dem Nachlass-Stempel des Künstlers versehen sowie mit der InvNr. "46", o.li. mit dem Etikett des Malplatten-Herstellers. In einer weißen Leiste gerahmt. Die Arbeit wird in das in Vorbereitung befindliche WVZ von Ophelia Rehor, Bautzen, aufgenommen. Provenienz: Nachlass Sammlung Dr. med. Kay Fischer (1941–2021), Kamenz; Sammlung Gerda Sieber, Jena; Nachlass des Künstlers. Mit einem Kaufbeleg von der Tochter des Künstlers Gerda Sieber (1931–2016) vom 10.11.1989 (in Kopie), dort gelistet als: "Maler Carl Lohse, Bischofswerda Hippold, Gelb, Öl/Pappe, 80 x 60 cm, Verz. Nr. 46". Lit.: Ulrike Kremeier (Hrsg.): Carl Lohse. Seelenbilder. Porträts und Landschaften 1910–1940 (Brandenburgisches Landemuseum für moderne Kunst). Cottbus 2023. Wir danken Frau Dr. Gabriele Werner, Dresden, Frau Ophelia Rehor, Bautzen, und Herrn Falk Nützsche, Bischofswerda, für freundliche Hinweise. Lohse überrascht. Nichts ist verloren von der Kraft seiner "Köpfe", dem Sturm und Drang, der 1921 in der für Lohse so enttäuschenden Ausstellung bei Emil Richter kumuliert. Die laute Aufruhr der vielfarbigen Flächenzerlegungen seiner expressionistischen Köpfe, Verarbeitung des Kriegsgrauens. Beruhigt. Weiter reduziert. Konzentriert – zu einem bicolorem Grisaille, in dem Lohse uns mit all seiner zeichnerischen Brillanz, mit einem ganz lesbaren Porträt verwöhnt. Ruft er unsere Sinne mit dem frappierenden Farbkontrast eines Blau-Gelbs wach – so steigert er, weiter, das Bildnis in einem altmeisterlichen Chiaroscuro. Nur angelegt, in dichter, fester Schraffur. Ganz zeichnerisch – und doch so wunderbar erlebbar als Malerei – in der opulenten Pastosität Lohses vehementen Farbauftrages. Dem schroffen Verismus seiner Zeichnung entschuldigend, den er nicht anders kann, setzt er, leuchtend, sein geliebtes Gelb gegenüber, nuanciert empfindsam, ganz zart, die Binnenflächen – Symbolfarbe? In meisterlicher Beherrschung erhebt sich Lohse für diesen Schaffensmoment ganz schwerelos über die Beschränkungen des behäbigen malerischen Mediums – er zeichnet. Rasant modelliert er das Bildnis – wenige seiner lockigen, abgerissenen Konturfragmente – jeder Strich ganz sicher, kein Korrektiv. Der kleine Schlag des Kragens fast ein unverwechselbares Signet. Bevor wir das Werk erfassen können, scheint die Malerei vollendet. Der Oberkörper, die Unterarme fest nach vorn gestützt – nur für einen kraftvollen Spannungsmoment verharrend. Noch die Physiognomie scheint von diesem rasanten Rennen überlängt. Lohse hätte unser Suchen gewürdigt. Das überraschende Porträt erlaubt uns einen neuen Blick auf Lohses zweite und dritte Werkphase. In keinem der publizierten Werke findet sich die malerische Erfindung dieses Gemäldes wieder. Das Ende der 1920er Jahre gerade wiedergefundene Selbstvertrauen zum Malen – bald vom Nazi-Regime rücksichtslos gebrochen – Malverbot. Die wenigen bekannten Werke dieser Phase zeigen einen weicheren Duktus. In den pastosen, sehr beruhigten, manchmal fast aquarellierend anmutenden Tonigkeiten seiner späten Werke, der späten 1950er Jahre, bis zu seinem Tode, findet man diese geschlossenen Farbflächen nicht. Zwei Spuren steigern die biografische Spannung des Werkes. Die kuriose Koinzidenz der rückseitigen "-46–" -wohl Nachlass-Inventarisierung- mit dem Jahr Lohses zweiten künstlerischen Neubeginns. Wie hoffnungsfroh muss dieser Aufbruch für ihn gewesen sein – mit "Landschaft mit Valtenberg" ist er auf der ersten Nachkriegsschau, Allgemeine Deutsche Kunstausstellung Dresden 1946, vertreten. 1 "Na, und schließlich wollte ich nach 1945 anfangen, mal ein bißchen Maler zu sein". 2 Schließlich listet Gerda Sieber das Gemälde ihres Vaters 1989 als Darstellung "Hippold" – des engen Familienfreundes. War Erhard Hippold, so vertrauter Künstlerfreund und Glaubensbruder, unter zwei repressiven Regimen, Lohse diese kraftgespannte Lichtgestalt? 1933 malt Gussy das große Bildnis Erhards – auf dem Höhepunkt ihrer Dix"schen Prägung. In der veristisch überzeichneten Physiognomie mag man eine Ähnlichkeit zu unserem Porträt finden. 3 Ebenfalls 1933 datiert ein Männerbildnis Lohses – es stellt sehr sicher Erhard Hippold dar. 4 Durfte Lohse den Freund so pointieren? Immer wieder verlangten seine Bildnisse Rechtfertigung: "Ich hatte Teichert, Petschke, Enderlein, Benzig Marianne Britze gemalt. Als ich die Arbeiten einlieferte, wurde ich mit großem Halloh empfangen, und es wurde heftig gestritten. Es schien ihnen so vieles unfertig, was mir fertig schien." 5 Lohse – geheimnisvoll, unentdeckt – at his best. 1) Allgemeine Deutsche Kunstausstellung Dresden 1946: Stadthalle Nordplatz, August – Oktober. 1946. Ohne KatNr. 2) Zitiert nach Carl Lohse in: Gabriele Werner: Carl Lohse. Jeder Mensch ist irgendwie ein großer Gesang. Gedanken, Kriegserinnerungen, religiösen Betrachtungen, Briefentwürfe, tagebuchähnliche Aufzeichnungen aus den Jahren 1957 bis 1965. Dresden 2025. S. 87. 3) Vgl.: "Der Maler Erhard Hippold", 1933, Öl auf Sperrholz, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister, InvNr. 671 (WVZ Krella 29). 4) Vgl. Galerie Gerda Bassenge, Berlin, Moderne Kunst, 06.06. 2009, KatNr. 7157 "Männerbildnis", ohne Jahr, Öl auf Leinwand. 5) Zitiert nach Carl Lohse in: Gabriele Werner, 2025, S. 84. Carl Lohse 1895 Hamburg – 1965 Dresden 1909/10 Besuch der Staatlichen Kunstgewerbeschule Hamburg, Förderung durch den Direktor der Hamburger Kunsthalle Alfred Lichtwark. Ab 1912 Studium an der Akademie Weimar als Stipendiat der Kunsthalle Hamburg, verließ gemeinsam mit Otto Pankok vorzeitig die Akademie. Reise nach Holland, um die Werke Vincent van Goghs zu sehen. 1914–16 Kriegsteilnahme, die er als einziger seiner Kompanie überlebte. 1920 Ausstellungsteilnahme als Gast der "Dresdner Sezession 1919" in der Galerie Arnold in Dresden. 1921 Einzelausstellung im Kunstsalon Emil Richter in Dresden. Keines seiner Werke wird verkauft. Wechsel nach Hamburg, Gelegenheitsjobs. 1929 abermals Übersiedlung nach Bischofswerda. 1931 Kunstausstellung Heinrich Kühl in Dresden. Nach Durchsuchungen der Gestapo ab Mitte der 30er Jahre Malverbot. 1946 Ausstellung auf der Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung Dresden. 1990 Eröffnung der "Galerie Carl Lohse" in Bischofswerda. 2017/18 zeigten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eine umfassende Werkschau des Künstlers im Albertinum. Erhard Hippold 1909 Wilkau – 1972 Bad Gottleuba Lehre zum Porzellanmaler. 1928–31 Schüler der Dresdner Kunstgewerbeschule bei Carl Rade, bis 1933 Studium an der Kunstakademie Dresden bei Ferdinand Dorsch, Meisterschüler bei Max Feldbauer. In diesem Jahr musste er aus politischen Gründen die Akademie verlassen. Verheiratet mit der Dix-Schülerin Gussy Ahnert. Mit ihr lebte er ab 1945 als freischaffender Künstler in Radebeul. Ab 1934 Freundschaft mit dem Maler Carl Lohse, mit welchem er zusammen einige Studienaufenthalte an der Ostsee verbrachte. Seit 1950 intensivere Beschäftigung mit Grafik, v.a. Radierungen und Lithografien. RAKO 1882 Rakovnik 1882 Mährische Bergbaugesellschaft wandelt ihre Steinkohlebergwerke in Rakovník nach einer Flut in Keramikwerk um. 1898 Emil Sommerschuh und Josef Kasalovský übernehmen die Fabrik und spezialisieren auf Schamottwaren und Mosaikfliesen. Ihre Öfen, Wandfliesen und Bodenfliesen prägen den böhmischen Jugendstil. 1907 Übernahme durch Fürst Johann II. von Liechtenstein, Sommerschuh bleibt Generaldirektor. 1920 Verkauf an die Zivnobank. 1939 Übernahme der "Keramo" in Rakovník. Nach dem Zweiten Weltkrieg Verstaatlichung. 1990er Übernahme durch die "Deutsche Steinzeug Cremer und Breuer AG". 2002 Fusion mit Lasselsberger, wodurch das größte tschechische Keramikunternehmen entstand.