작품 상세

"Ein Staat 'Europa' ist auch heute nicht in Sicht" -- Haffner, Sebastian, Journalist, Publizist und Schriftsteller (1907-1999). Eigenh. Brief m. U. 1 S. 4° sowie masch. Manuskript mit eigenh. Korrekturen. Fol. 2 S. auf 2 Bl. Berlin 15.8.1990. -- Auf die Bitte der Fotografin Ingrid von Kruse sandte Haffner ihr zwei Manuskriptseiten seines Buches "Im Schatten der Geschichte. Historisch-politische Variationen" (Stuttgart 1985), die er mit zahlreichen kleinen Korrekturen und einigen Änderungen mit blauer Tinte handschriftlich redigierte, um daraus sein Europa-Statement zu machen für den Bildband "Europa beim Wort genommen": "Sehr verehrte Frau von Kruse, anliegend sende ich Ihnen das Versprochene über Europa. Es sind ein paar Absätze, die sich in dem Buch 'Im Schatten der Geschichte' finden, ein bisschen bearbeitet und gestrafft ...". -- -- In seinem Manuskript hebt Haffner an: "Die Geschichte Europas ist wie ein Sonatensatz aus zwei Themen komponiert: dem alten römischen Einheitsthema und dem neueren Thema der Nationalstaatlichkeit. Den gegenwärtigen Augenblick beherrscht das zweite Thema. Aber das erste ist nicht verstummt. Es ist keine Kleinigkeit, daß jedenfalls das westliche und südliche Europa fast fünfhundert Jahre lang - ein rundes Viertel seiner Geschichte, und zwar das erste, grundlegende Viertel - in einem Reich geeint war. -- -- Und ist dieses weströmische Reich im Jahre 476 wirklich ganz und gar untergegangen? Man kann auch sagen: Es hat sich nur aus einem weltlichen in ein geistliches Reich verwandelt. Europa ist auch zwischen 500 und 1500 immer noch unter Rom geeint gewesen, nur daß aus dem Rom der Cäsaren nun eben ein Rom der Päpste und der von den Päpsten gekrönten römischen Kaiser geworden war. -- -- Die Deutschen allerdings sind erst spät ins römische Europa gekommen, in ihrer Mehrzahl erst ins zweite, nicht ins erste; aber dafür haben sie es besonders lange auch und gerade in seiner weltlichen Nebenform, als römisches Kaisertum, festzuhalten versucht, so daß man schließlich, fast ironisch, vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zu sprechen begann. Das, immerhin, dauerte fast bis vorgestern, bis 1806 ... und das Europa des 19ten und 20ten Jahrhunderts wurde ein Europa der souveränen Nationalstaaten, der 'Vaterländer'. Freilich, zum Heil schlug ihm das nicht aus. -- -- Nach 1945 verbreitete sich das Gefühl: 'Der Nationalismus hat Europa ruiniert', und das Pendel schlug zurück. Es war sicher kein Zufall, es war eher als Symbol gemeint, daß die Verträge, die 1957 die Europäische Gemeinschaft begründeten, in Rom abgeschlossen wurden ... -- -- Die 'Europäische Gemeinschaft', die 1957 in Rom entstand, hat seitdem manches Auf und Ab erlebt: sie ist erheblich erweitert, aber kaum vertieft worden. Ein Staat 'Europa' ist auch heute nicht in Sicht ...".